Seit sechs Monaten Kreispfarrerin

Interview mit Pfarrerin Christiane Geerken-Thomas nach den ersten sechs Monaten im Kreispfarramt

Die Einführung von Christiane Geerken-Thomas in das Amt als Kreispfarrerin der Wesermarsch durch Bischof Thomas Adomeit war für den 9. Februar geplant. Das Sturmtief Sabine führte zur kurzfristigen Absage der Einführung. Der 26. April wurde als neuer Einführungstermin festgesetzt. Diesmal erzwang das Corona-Virus die erneute Absage.

Die Einführung wäre für die neue Kreispfarrerin die Möglichkeit gewesen, sich den Gemeinden vorzustellen. Da ein neuer Termin zurzeit nicht in den Blick genommen werden kann, stellt sie sich mit diesem Interview den Gemeinden vor und berichtet aus ihren ersten sechs Monaten im neuen Amt. Das Interview führte Dietmar Reumann-Claßen, Öffentlichkeitsbeauftragter des Kirchenkreises.

Erst Sabine, dann Corona. Frau Geerken-Thomas, einen Neuanfang stellt man sich anders vor. Wie haben Sie das erste Halbjahr als Kreispfarrerin der Wesermarsch erlebt?

In der Rückschau bin ich sehr dankbar für die ersten sechs Wochen vor dem Lockdown. In dieser Zeit gab es viele Treffen, um verschiedene Prozesse wieder aufzunehmen. Es gab zwei Pfarrkonvente, ich habe die Diakonie, den Kreisjugenddienst und einige Gemeindekirchenräte und Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort besucht. So war ich schon sehr vielen begegnet und habe ein Gefühl für diejenigen bekommen, mit denen ich in meinem neuen Arbeitsfeld zusammenarbeiten werde. Mich hat sehr gefreut, in diesen Begegnungen eine große Offenheit zu erleben und die Bereitschaft, sich auf neue Wege einzulassen.

Von Mitte März an habe ich dann nur noch vom Bildschirm aus und mit dem Telefon gearbeitet. Jetzt war entscheidend den Informationsfluss zwischen der Kirchenleitung und den Gemeinden und Diensten des Kirchenkreises zu gewährleisten. In dieser völlig neuen Situation war meine wichtigste Aufgabe Sicherheit zu geben.

Mein Eindruck ist, dass wir in dieser Zeit enger zusammengewachsen sind. Wir haben gemerkt, dass wir auf einander angewiesen und gemeinsam stark sind.

Jetzt, seit Mitte Juni gibt es wieder Sitzungen, Abendtermine, Gottesdienste. Meine Arbeit wird wieder etwas „normaler“.

Derzeit befindet sich das Leben in den Gemeinden mehr oder weniger im „Ruhemodus“. Wie wird sich die lange Zwangspause auf das Leben in den Gemeinden auswirken? Lässt sich dieser Zeit etwas Positives abgewinnen?

Ich höre aus den Gemeinden von einer Zurückhaltung beim Gottesdienstbesuch. Einige sind noch sehr vorsichtig. Ich glaube aber, die Zurückhaltung liegt auch daran, dass den Menschen coronabedingt die Gemeinschaft fehlt: Das Gespräch an der Kirchentür, der Kaffee hinterher. So zeigt diese Zwangspause, dass Kirche noch mehr ist als Gottesdienst zu feiern. Kirche heißt für mich Glauben in Gemeinschaft zu leben, Werte und eine Lebenshaltung zu teilen. Ich wünsche mir, dass die Gemeindehäuser wieder als Treffpunkt geöffnet werden können. Treffen wie die Seniorenkreise, Selbsthilfegruppen, Jugendtreffs, das alles ist für den Lebensalltag sehr wichtig.

Etwas Positives sehe ich in der Corona-Krise darin, dass „Demut“ einen neuen Klang bekommen hat. Demut, gepaart mit Dankbarkeit. Da ist jetzt eine größere Bereitschaft, Selbstverständliches wertzuschätzen, auch unsere privilegierten Lebensumstände, unser Gesundheitssystem, eine verantwortungsvolle Regierung.

Manche sehen in dem Corona-Virus eine Strafe Gottes. Welche Verbindung sehen Sie zwischen Gott und dem Virus?

Ich glaube nicht, dass Gott mit dem Finge schnipst und den Menschen Strafen schickt. Ich glaube aber sehr wohl, dass in allem, was passiert, eine Aufgabe für uns steckt. Gottes Wille ist, dass wir diese Aufgabe angehen und bewältigen. Er gibt uns dazu das nötige Werkzeug an die Hand. Ich habe in den letzten Monaten manches in der Bibel anders gelesen und das weiß ich auch von anderen. Gerade die Psalmen mit ihrem Ineinander von Klage und Lob haben mich angesprochen. 

Aufgaben und Hindernisse, die Gott uns stellt, fordern uns, uns neu für das Leben zu öffnen. Ohne Hindernisse und Umwege wäre das Leben ärmer, und wir könnten uns nicht freuen, eine Aufgabe gelöst oder ein Hindernis überwunden zu haben. 

Das Corona-Virus kann ein Weckruf Gottes für uns sein. Es zeigt uns Grenzen auf und lehrt uns, an manchen Stellen genauer hinzusehen, z.B. unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten müssen und wie sie dafür entlohnt werden.

Sehr konkret ist es das neue Pfarrstellenverteilungskonzept, das wir auf den Weg bringen müssen. Es bedeutet, dass wir das kirchliche Leben mit deutlich weniger Pfarrpersonen gestalten müssen. Auch die finanziellen Mittel gehen weiter zurück, so dass wir in vielerlei Hinsicht mit weniger Ressourcen gestalten müssen. Gerade bei uns in der Wesermarsch mit den zahlreichen historischen Kirchen und Orgeln ist das eine große Herausforderung.

Von Gewohntem Abschied zu nehmen ist schwer. Trotzdem sind diese Prozesse notwendig. Augen verschließen hilft nicht. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Veränderungsbereitschaft der Verantwortlichen zu stärken und zu unterstützen.

Dietmar Reumann-Claßen

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